Italien

Ocean mit Seinen und hohen Wellen

Isola del Giglio

Insel der Seligen by Paul Crimi
Insel der Seligen by Paul Crimi

Besucher für die seltene Flora und die großartige Unterwasser-Fauna der Insel Giglio, die ca. 100 km nördlich von Rom vor Argentario im Mittelmeer liegt, zu begeistern, dürfte derzeit nicht ganz einfach sein.  Die Costa Concordia, eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt, kollidierte vor der Insel mit einem Felsen, lief nördlich von Giglio Porto auf Grund und blieb mit 65 Grad Schlagseite hängen. Und erst in diesem Jahr (2014) wurde das Schiff nach Genua zum Abwracken gezogen. Als die Nachricht von der Katastrophe am 13. Januar 2012 samt eindeutigen Bildern verbreitet wurde, war Marion tief betroffen!
Für sie hatte die Isola del Giglio ihre Magie nie verloren; und es ist erst wenige Jahre her – Wasser und Land waren noch unversehrt – dass sie ihre Ferien dort verbrachte.

Es waren nicht mehr viele Passagiere auf der letzten Fähre an diesem Tag; angenehm für Marion, nach der langen Reise nicht ins Gedränge zu kommen. In einer Stunde würde sie in Giglio Porto sein.
„Salve“ grüßte der junge Italiener. „Salve“ grüßte sie zurück. Marion fühlte sich geschmeichelt über die freundliche Kofferübernahme durch den hübschen jungen Mann, der ihren dunkelblauen Rollkoffer gleich beim Eingang zur Fähre in eine Bucht stellte. Die schmale Metalltreppe führte sie hinauf zum Oberdeck. Sie setzte sich auf die rundum laufende Bank. Gegenüber nahm eine junge pummelige Italienerin Platz und hielt ihre Reisetasche und zwei prall gefüllte Plastiktüten krampfhaft bei sich, als befürchte sie bestohlen zu werden. Marion dagegen wäre gar nicht auf die Idee gekommen, ihren Koffer hier herauf zu tragen. Alle paar Minuten nahm sie einen Schluck Eistee aus der Flasche und steckte sie zurück in die Außentasche ihres knallroten Rucksacks. Thé freddo, den hatte sie zum allerersten Mal hier in Italien getrunken. Sie lehnte mit dem linken Arm über der Reling und blinzelte hinaus auf das türkisfarbene Mittelmeer, das am Horizont den azurblauen Himmel traf und kostete die rote italienische Nachmittags- Sonne.
Das Meer zeigte sich ruhig und erlaubte eine schwankungsfreie Überfahrt. Das war auch schon einmal ganz anders. Damals war Marion durch die stürmische, die bis zu vier Meter hohen Wellen brechende Überfahrt mit der Fähre von Porto Santo Stefano nach Giglio Porto sehr seekrank, musste sich die ganze Fahrt über am Treppengeländer zum Oberdeck festhalten und starr geradeaus auf den Horizont blicken, grün im Gesicht und Übelkeit im Magen. Damals, als sie mit ihrem Mann, den österreichischen, französischen und schweizerischen Freunden auf den Campingplatz „Baia del Sole“ nach Giglio und zum Tauchen eingeladen waren. Zu der Zeit waren die Untiefen des Mittelmeeres vor Monte Argentario, Isola del Giglio, Monte Christo oder Giannutri der Geheimtipp für alle, die auf Abenteuer und Goldgräberstimmung aus waren; Individualisten allemal, die sich im Wracktauchen versuchten. Sie haben weder römische Amphoren noch Kisten mit Gold dort unten gefunden.

Brandung
Steine im Meer by Paul Crimi

Die Fähre legte an in Giglio Porto und Marion ging hinunter, um ihren Rollkoffer abzuholen. Sofort bemerkte sie, dass das kleine Vorhängeschloss am Reißverschluss fehlte. Es fehlte? Sollte jemand ihren Koffer geöffnet haben? Gleich kamen ihr die beiden zwielichtigen Gestalten und deren merkwürdiges Verhalten in den Sinn. Während der Überfahrt waren sie auf das Deck gekommen, waren rastlos hin- und hergelaufen, hatten prüfende Blicke in Richtung Marion geworfen, nervös eine Zigarette nach der anderen geraucht, sich zugezwinkert. Als die Männer nach einer Weile das Interesse verloren und das Deck verließen, war Marion richtig erleichtert gewesen. ‚Haben sie vielleicht einen italienischen Filmstar oder eine sonst bekannte Persönlichkeit erwartet?’ ging es ihr durch den Kopf.

Marion beeilte sich, den letzten Bus nach Campese zu erreichen, hatte deshalb keine Zeit ihren Koffer zu öffnen und nachzusehen, ob irgendetwas fehlte. Und sie hatte sie schon beinah wieder drauf, die italienischen Gepflogenheiten: Bustickets bekam man hier in einem Tabacchi-Laden. Der Bus nach Campese war abfahrbereit. Nach Campese bedeutete, der Bus musste das sehr hoch aus dem Meer aufragende Granit-Felsmassiv Giglio in unzähligen Haarnadelkurven überwinden. Den Koffer am Griff und den Rucksack auf den Knien saß Marion im gut besetzten Bus. Auf dem einzigen Haltepunkt am Berggipfel standen eine beachtliche Kirche und ein Kiosk für die Touristen. Und dann schaukelte und schlingerte der Bus weiter haarnadelscharf auf die andere Seite der kleinen Insel, hinunter nach Giglio Campese – die traumhafte kleine Bucht mit Sandstrand und mehreren neu gebauten  Appartmentanlagen.  `Aha, das sind sie also, die Veränderungen, von denen Claudio, der echte Gigliese, erzählt hatte. Der so genannte Geheimtipp zur Erholung für Filmstars und Filmschaffende.’

Bucht und Meer by Paul Crimi
Bucht by Paul Crimi

Als Marion aus dem Bus stieg und den sandigen Platz überquert hatte, wurde sie von einem gepflegten, höflichen Italiener, geschätzt Mitte Vierzig, erwartet; Emilio, der Appartmentvermieter. Er fuhr sie mit seinem Alpha Romeo zur Appartmentanlage, die bergan auf halber Höhe vor dem Berggipfel gebaut worden war, half beim Gepäcktransport und wies ein in das Appartamento Numero Tredici – Appartment Nummer 13. Sie zahlte vorab per Scheck für den gesamten Aufenthalt. Er händigte ihr seine Visitenkarte aus – „Für den Fall, es gibt Probleme“, sagte er fürsorglich.
Nachdem Emilio sich verabschiedet hatte, konnte Marion endlich ihren Koffer öffnen. Sie sortierte die Kleidung in den vorhandenen Kleiderschrank. Nein, es fehlte nichts. Außer jetzt mal was zu Essen!
Campese war überschaubar und es brauchte nicht viel, sich zu orientieren. So fand Marion sehr schnell das kleine Lebensmittelgeschäft Souterrain des Zeitungs- und Buchladens und kaufte dort hauptsächlich Pasta, Gemüse, Brot, Kaffee, Butter und Milch. Im Geschäft fanden sich sofort drei, vier Freunde des Geschäftsinhabers ein. Waren sie gekommen, um die neu eingetroffene Signora zu begutachten? Jedenfalls schloss der Inhaber Marions Einkauf abrupt – „Basta, basta“ rief er und die anwesenden Freunde lachten. Marion hatte „Pasta“ verlangt.

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Laden in Italien by Paul Crimi

Es waren die gleichen Männer, die sich jeden Tag auf der kurzen „Promenade“ vor dem Lebensmittel- und Bäckerladen, vor dem Souvenirladen und Kiosk versammelten. Sie saßen in lockerer Formation auf Klappstühlen und der kleinen Mauer vor ihren kleinen Läden und riefen sich über die Straße hinweg die Tagesereignisse zu, untermalten alles mit Gestik und Mimik.

Das Appartamento Numero Tredici – also Nummer 13 – befand sich genau in der Mitte der Anlage. Durch die riesige Fensterfront störte nichts den Blick hinaus auf das wundervolle Panorama – die Bucht und das Meer vor Campese. Und auf dem Balkon würde Marion sämtliche Mahlzeiten einnehmen – und weiter kommen mit dem Italienisch lernen. Schon nach dem Frühstück am nächsten Tag saß Marion in angenehmer Luft, den Geruch des Meeres in der Nase, auf ihrem Balkon in dunkelblauem Top und Wickelrock, hatte ihr italienisches Lehrbuch vor sich und las und lernte. Sie war ganz versessen aufs Italienisch lernen. Für sie war diese Sprache wie eine Droge, ihr Klang, ihre Melodie. Marion fand ohnehin, die Italiener hatten das große Los gezogen. Sie hatten die leckersten Lebensmittel und bereiteten daraus die besten Speisen, eine Sonne, die mindestens vier Monate im Jahr durchgehend schien, die optimale Mode (Stoffe und Schnitte sind golden) die großartigsten Sonnenauf- und Untergänge, die schönsten Lieder. Marion schwärmte wie ein Teenager. In weniger als zehn Minuten war sie am Strand von Campese.

Auf Marions Weg lag ein Tauchclub, der mit dem Meeresbiologischen Institut zusammenarbeitete. Nasse Tauchanzüge hingen zum Trocknen über dem Zaun, Taucherflaschen wurden geräuschvoll aufgefüllt. Die Mitglieder des Tauchclubs waren ständig in Aktion, man sah sie in Gruppen in voller Taucherausrüstung mit ihrem Schlauchboot vom Strand abfahren. Sie untersuchten die einzigartige Unterwasserwelt um die Insel.

Der Strand war mäßig belebt und Marion fand einen Platz im Sand auf halber Strecke zum Wasser. Bevor sie ins Meer zum Schwimmen ging, sonnte sie sich erst einmal warm. Und sie ging auch nur bis zu den Schultern ins Wasser. Die Zeiten waren vorbei, dass sie waghalsig vom Felsplateau ins Wasser sprang und ins abgrundtiefe Mittelmeer eintauchte. Damals konnte sie sich das leisten, war sie doch in Begleitung ihres Mannes oder eines Freundes.
Die folgenden Tage waren erfüllt von Sonnenschein, Wasser, Sand und Aurelio, dem stummen Beobachter des Treibens am Strand und auf dem Meer. Führte er die Strandaufsicht oder schaute er den jungen Familien und deren kleinen Kindern zu, die ihre ersten Schwimmversuche unternahmen? Aurelio, ein Mann im Pensionsalter, saß auf gleicher Höhe wie Marion am Strand auf seinem Klappstuhl und schlug die Zeit tot, verjagte ab und zu die Möwen mit kleinen Steinen; wirkte irgendwie trotzig.

Nach dem tollen Fußballspiel, das ihr auf dem Platz vor ihrem Balkon am Sonntag geboten wurde, war Marion allerbester Laune. Doch gleich am nächsten Morgen passierte die Sache mit dem Alarm. Sehr früh morgens ging eine Sirene an. Die Sirene brach abrupt ab und Lärm entstand – ganz nah!! Elektrisiert sprang Marion aus dem Bett und stürzte auf ihren Balkon. Mit laufendem Motor stand ein Polizeiwagen vor der Appartmentanlage; lautes Italienisch und aufgeregtes Hin- und Herlaufen. Kurz darauf kam ein Ambulanz-Wagen dazu und eine Trage wurde ausgeladen. Wo war noch mal die Krankenstation hier in Campese?
Sensationshunger! Marion war neugierig geworden. Wenn sie schon derart unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde, wollte sie zumindest die Ursache erfahren. Etwas zittrig bereitete sie ihren italienischen Kaffee zum Frühstück. Fahrig kleidete sie sich an, schnappte sich eine Plastikeinkaufstüte und schloss das Appartment sorgfältig hinter sich ab. Wo könnte sie erfahren, was genau passiert war? Wen könnte sie sonst fragen, wenn nicht die freundliche Kassiererin im Supermercato. Mit ihrem kleinen Einkauf stand Marion bald an der Kasse: „Buon giorno, Signora. Haben Sie vorhin auch den Alarm bei der Appartmentanlage gehört?“
„Nein, aber eine Kundin hat mir erzählt, dass ein Mann durch einen gefährlichen Messerstich schwer verletzt wurde.“ Und dann flüstert sie: „So weit ich weiß, haben sich die Bosse einer Organistaion zu einer geheimen Versammlung in einem der Appartments getroffen.“ ‚O’ddio mio!’ Zweimal nach dem Strandbesuch fand Marion die Tür zu ihrem Appartment geöffnet vor, obwohl sie sorgfältig abgeschlossen hatte. Sofort hatte sie irritiert nachgesehen, ob etwas fehlt – aber nichts. Düstere Träume veranlassten sie seither, die Nächte bei Licht zu schlafen.

Giglio Porto lockte, noch einmal eine Busreise über die Serpentinenstraße zu machen. Marion brauchte ein Rückreiseticket für die Fähre. Hoch hinauf auf den Berggipfel ging es wieder mit dem Bus. Beängstigend eng war die Straße. Hoffentlich rutschte der Bus nicht seitlich den Abhang ins Meer hinunter; und dann aus dieser Höhe. Marion klammerte sich an ihrem Sitzplatz fest und betete. Aber sie kam heil und gesund an in Giglio Porto. Auf der sehr überschaubaren belebten Strandpromenade präsentierten mehrere teure italienische Boutiquen ihre Auslagen und hübsche kleine Bars und Restaurants warteten auf Gäste. Man kam schnell von einem Straßenende zum anderen. In dem kleinen Hafen lagen neben Segelschiffen und Motorbooten einige kleinere und wenige größere Jachten vor Anker. Auf einer der größeren Jachten saßen vier nicht mehr ganz junge Ladies am Tisch und spielten Karten; Bridge? Porto Ercole auf Argentario, Porto Santo Stefano und Giglio Porto wurden gern von begüterten Briten mit ihren Jachten angelaufen. Hier herrschte ein mediterranes Flair – man war hell, leicht und teuer gekleidet. Man übte sich in Lässigkeit und Müßiggang, man war reich und unabhängig. Ein verführerisches, ja malerisches Urlaubsbild zeigte sich da vor der Kulisse von Giglio Porto und Marion wusste eines gewiss: sie kann das alles betrachten, aber Teil würde sie nicht haben am locker leichten Leben hier. Dort lungerten sie auch herum, die beiden seltsamen Gestalten von der Fähre. Deshalb wollte Marion bald den Bus zurück nach Campese nehmen. Sie war auf dem Weg zur Busstation, als die beiden zwielichtigen italienischen Männer vor ihr auftauchten.
Sie grüßten beinah freundlich: „Buon giorno, Signora. Wie gehts. Dürfen wir Sie zu einem Kaffee einladen? Sprechen Sie Italienisch?
Reflexartig antwortet sie: “Si, un poco. Nein, danke, ich muss zurück nach Campese.“
“Aha, machen Sie Urlaub in Campese?”
“Ja”
“Woher kommen Sie?”
“Aus Deutschland”
Diese Typen interessierten sich dafür, woher sie kommt? Sie versuchte vergeblich, an den Männern vorbei zu kommen. Doch die nahmen sie blitzartig in ihre Mitte. Noch blitzartiger drängten sie Marion neben der Bar in einen Hauseingang. Krampfhaft hielt sie ihren Rucksack fest; aber das half ihr nichts. Einer der Männer entriss ihn ihr mit Gewalt.
„He, Roberto, la signora e veramente una tourista. Lasciamo la!“, drehten sich um und waren im Nu mit Marions knallrotem Rucksack verschwunden. Schockiert und wie gelähmt stand Marion auf der Strandpromenade, neben der Bar. Jetzt hätte sie blitzschnell reagieren müssen – den Barista fragen, ob er irgendwas beobachtet hatte oder sonst irgendjemand. Nein eigentlich hätte sie laut schreien müssen. Aber sie stand nur nur da. Wäre jetzt eine Schlange vor ihr aufgetaucht, sie wäre das Kaninchen gewesen.
Extrem langsam setzte ihr Denkapparat wieder ein. Sie tastete nach ihrer Jackentasche – das Busticket war jedenfalls noch da. Aber 300 EURO, ihr Pass, ihre Scheckkarte, sogar das Mobiltelefon, die Visitenkarte von Emilio – die wichtigsten Sachen waren weg. Und ihre Kosmetiktasche. Schließlich schaffte sie es in die Bar hinein und den Barista zu fragen, ob er etwas mitbekommen hatte. Nein! Nein? Und wo war hier die Polizeistation? Der Barista wies den Weg. Auf der Polizeistation stotterte Marion ihre Anzeige des Diebstahls auf offener Straße und die Beschreibung der Diebe in Italienisch. Der Commissario beruhigt sie. „Meistens haben die Diebe es nur auf das Geld abgesehen und die Tasche oder der Rucksack tauchen irgendwo wieder auf – achtlos weg geworfen. Manchmal sind sogar die Brieftasche und die persönlichen Papiere noch da Signora. Kommen Sie doch morgen noch einmal her. Sind Sie telefonisch zu erreichen?“
„Nein, mein Mobiltelefon war ebenfalls im Rucksack.“ Marion machte sich größte Vorwürfe: ‚Warum war sie nur so leichtsinnig gewesen und hatte die wichtigen Sachen in ihren Rucksack gepackt, statt nach allen Empfehlungen körpernah in eine Tasche? Glück im Unglück – fand sie wenigstens den Appartmentschlüssel in ihrer Hosentasche. Den Appartmentschlüssel, die Busfahrkarte waren jetzt die Dinge, die ihr Halt gaben; den einzigen Halt. Denn ansonsten war sie so gut wie aller Möglichkeiten beraubt. Kein Mobiltelefon, keine Scheckkarte, keine Papiere, kein Geld – eine Katastrophe und zu allem Überfluss kannte sie wirklich niemanden hier. Wie konnte man sich in einem solchen Fall überhaupt helfen? Ja, die Polizeistation wäre wohl der einzige Ort, wo sie bleiben könnte, so lange bis ihr Rucksack wieder auftauchte. Aber sie hatte ja im Appartment noch etwas Geld deponiert. Hoffentlich war das nicht auch noch in ihrer Abwesenheit gestohlen worden!
Sie wollte schnellstens weg aus Giglio Porto. Die Busfahrt machte ihr keine Angst mehr, schließlich hatte sie sie schon zweimal überlebt. Morgen, notfalls übermorgen, würde sie wieder herkommen und bei dem Commissario auf der Polizeistation nachfragen.
Zurück an dem für sie momentan denkbar sichersten Ort, dem Appartment, schloss sie die Tür hinter sich ab und ging sofort ins Schlafzimmer um nachzusehen, ob das von ihr in der Badetasche deponierte Geld noch vorhanden war. Sonst könnte sie vielleicht gar nicht mehr mit dem Bus hinüber nach Giglio Porto. Doch als sie in der Seitentasche das deponierte Geld vorfand, war sie etwas erleichtert. Für das Busticket und auch für ein belegtes Panino würde es reichen. Aber für heute hatte sie genug und sie rührte sich nicht mehr aus dem Appartment. Marion schaltete den Fernseher ein und sah sich die Nachrichten und dann noch eine Quizsendung im italienischen Fernsehen an. Doch jede Ablenkung verfehlte ihre Wirkung. Die Panik hatte sie mit großer Verzögerung erreicht. Sie fragte sich immer wieder, warum gerade sie das Opfer eines so dreisten Diebstahls geworden war. Wo sie sich doch so bemüht, die Sprache zu lernen, sich angepasst zu verhalten und zu kleiden! Marion verstand die Welt nicht mehr. Diese Italiener, sie brauchten Marion nicht! Im Gegensatz zu Marion, die seit ihrer ersten Reise hierher davon überzeugt war, Italien zu brauchen. So ein Jammer!!

Marion hatte keine gute Nacht. Sie hatte kaum geschlafen und immer wieder das Erlebnis in Gedanken durchgespielt. Am nächsten Morgen macht sie sich sehr bald auf den Weg nach Giglio Porto. Sie hat keinen Blick für die wundervolle Natur Giglios, für den schönen Ort, die Geschäftigkeit auf der Promenade und in dem kleinen Hafen, sondern steuerte gleich auf die Polizeistation zu. Die Eingangstür und auch die Tür zum Büro des Commissarios, der ihre Anzeige aufgenommen hatte, standen offen. Man ließ die frische Morgenluft zirkulieren, denn im Laufe des Tages würde es wieder heiß, einen Tag voll italienischen Sonnenscheins würde es geben.
Marion grüßte: „Buon giorno, Commissario, haben Sie meinen Rucksack gefunden?“
„Si, si Signora, wir haben die Diebe gefasst und ihr Rucksack lag hinter einem Müllcontainer. Sogar ihre Papiere sind noch da. Die Diebe hatten es offenbar ausschließlich auf Ihr Geld abgesehen. Wir konnten die Diebe so schnell fassen, weil sie einschlägig bekannte Ganoven hier sind. Da haben Sie ja richtig Glück gehabt. Gut, unterschreiben Sie bitte den Empfang. Ich kann nur hoffen, dass Sie noch ein paar schöne Tage in Campese haben werden.“

Mitte September geht die italienische Sommersaison zu Ende. Die Appartmentanlage ist bereits weitgehend unbewohnt. Bis auf die Teilnehmer der geheimen Versammlung. Eine seltsame, um nicht zu sagen, unheimliche Stille breitet sich aus über der riesigen Wohnanlage. Das Meer wird unruhig – hoher Wellengang – dunkle Wolken – die Sonne bleibt blass und es fallen sogar einige Regentropfen.

Meer by Paul Crimi
Meer by Paul Crimi

Die Wolken verdecken immer wieder die Sonne, die es kaum schafft über das Felsmassiv der Insel hinüber nach Campese zu scheinen. Ein trüber Tag; zwei trübe Tage. Die Möwen schwimmen in der Ferne auf den aufgewühlten Schaumkronen des Meeres, verschwinden, tauchen wieder auf. Das Meer verändert seine Farbe – von türkis bis hin zu graugrün und auch das Licht ist nach diesem Wetterumschwung nicht mehr so warm und rötlich; die Tage sind spürbar kühler. Quallen schwimmen in Strandnähe im Meer und Seetang bedeckt einen Teil des Strandes. Buh – da will niemand hinaus.

Zehn Tage Urlaub, die nicht ausschließlich erfreulich verliefen, sind vorüber, und der Tag der Rückreise ist gekommen. Um 5.15 Uhr steht Marion viel zu früh einsam und allein an der Bushaltestelle. Sie genießt die laue Morgenluft, zum letzten Mal bewusst den Geruch des Meeres und den intensiven Duft des Oleanders, der Bougainvilla. Morgendämmerung und es ist keineswegs gewiss, ob der Bus pünktlich kommt. Die Spannung steigt. Eine weitere Urlauberin hat sich sicherheitshalber ein Taxi bestellt. Sie ruft Marion zu, dass sie befürchtet, sonst die Fähre nicht rechtzeitig zu erreichen. Marion ist irritiert. Aber, wie es so ist in Italien kommt der Bus gerade angefahren. Die einzige Passagierin ist Marion. Der Busfahrer gibt sein bestes, überholt sogar das Taxi während der halsbrecherischen Fahrt über die Serpentinen nach Giglio Porto. „Tutto va bene.“ „Grazie molto, Signore“, sagt Marion und steigt mit zitternden Knien aus dem Bus.
Marion findet unter Deck der Fähre einen Sitzplatz, hält jetzt Koffer und Rucksack fest bei sich und schaut durch ein großes Fenster hinaus auf das Meer. Während der Überfahrt nach Porto Santo Stefano spielt der Himmel wieder den unnachahmlichen italienischen Sonnenaufgang. Zuerst erscheint ein Wolkenband hinter dem es oben und unten hindurch glitzert. Schließlich entwickelt sich in grandioser Theatralik ein riesengroßer Feuerball aus dem Meer und beginnt höher und höher zu steigen. Golden ist die Welt! Das besondere italienische Abschiedsgeschenk, das Marion vergessen lassen soll, dass ihr nicht jeder Tag wohl gesonnen war, hier auf der Isola del Giglio.

Brigitte Lohan, 2014

 

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